Literatur, die bewegt: 800 Besucher bei „Rudow liest“

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Erlebten inspirierende Literatur: Neuköllns Kulturstadträtin Janine Wolter, Kulturstadträtin a.D. Karin Korte und Peter Scharmberg (SPD) (v.li.) mit der Autorin Maria Bidian (2.v.li.)

Vom 13. bis zum 15. März 2026 präsentierten Autorinnen und Autoren renommierter Verlage ihre Werke an zum Teil ungewöhnlichen Orten in Rudow und boten dabei eine beeindruckende Vielfalt literaischer Genres. Ob Familienroman, historische Erzählung, humorvolle Prosa, autofiktionales Drama oder spannender Thriller – insgesamt 11 Lesungen sowie vier Schullesungen machten auch die 14. Ausgabe von „Rudow liest“  zu einem abwechslungsreichen kulturellen Ereignis. Viele der vorgestellten Bücher waren druckfrisch. Inhaltlich griff das Lesefestival auch in diesem Jahr zentrale gesellschaftliche und existenzielle Fragen auf: Es ging beispielsweise um den Umgang mit Trauer und seelischen Verletzungen, um Liebe, Armut und Essstörungen in der Kindheit, um die Herausforderungen des Mutterseins, um weibliche Lebensentwürfe, das Erwachsenwerden sowie den Überlebenswillen in schwierigen Zeiten. Besonders reizvoll war erneut die Wahl der Veranstaltungsorte. Gelesen wurde unter anderem im TUI-Reisecenter in Alt-Rudow, beim Hörakustiker GanzOhr, in der Alten Klosterapotheke sowie auf dem Rudower Wochenmarkt – Orte, an denen man Literatur nicht unbedingt erwartet und die dem Festival seinen besonderen Charakter verleihen.

Traditionsgemäß wurde „Rudow liest“ von unserer Neuköllner Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport, Janine Wolter, eröffnet. Bereits der Auftakt war lange vor Beginn ausgebucht: 55 Gäste besuchten die Eröffnungslesung mit Maria Bidian in der Gertrud-Haß-Bibliothek. Zu den Gästen zählten neben unserem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Peter Scharmberg auch unsere ehemalige Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport, Karin Korte sowie die Ehrenvorsitzende der Aktionsgemeinschaft Rudow (AG Rudow), Renate Humernik.

Janine Wolter begrüßte die Anwesenden herzlich und würdigte das große Engagement der Aktionsgemeinschaft Rudow (AG Rudow), insbesondere des Buchhändlers Heinz-Jürgen Ostermann, der das Lesefestival Rudow Liest 2012 ins Leben gerufen hat. Gemeinsam mit engagierten Gewerbetreibenden sorgt die AG Rudow bis heute dafür, dass Lesungen in lokalen Geschäften stattfinden und die Honorare der Autorinnen und Autoren getragen werden. Jahr für Jahr beteiligt sich an Rudow liest auch der Verein Alte Dorfschule Rudow sowie die Evangelische Kirchengemeinde Rudow an diesem großartigen Kulturevent, das traditionsgemäß eine Woche vor der Leipziger Buchmesse stattfindet. Dort sollte Heinz-Jürgen Ostermann ursprünglich am 19. März den mit 7000 Euro dotierten Buchhandlungspreis zusammen mit weiteren Buchhandlungen in unserer Republik von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer entgegennehmen. Wolter beglückwünschte Ostermann zum Buchhandlungspreis. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagte den Termin allerdings kurzfristig ab und entging so einer direkten Auseinandersetzung mit den nominierten Buchhändlerinnen und Buchhändlern.

Hintergrund: Der parteilose Weimer, der durch die CDU ins Amt kam, war in die Kritik geraten, weil er drei durch die unabhängige Fachjury bereits als Preisträger nominierte Buchhandlungen ausschloss mit der Begründung, es gäbe verfassungsschutzrechtliche Bedenken. Er tat dies kund, ohne weiter konkrete Angaben zu den verfassungsgeschichtlichen Bedenken zu machen. Wolter nahm das Thema auf und mahnte, dass Kunst- und  Meinungsfreiheit hohe und schützenswerte Güter der Demokratie sind, die es zu wahren gilt. Sie als Stadträtin für Bildung und Kultur diktiere nicht, welche Bücher eine Bibliothek präsentieren soll und welche  Ausstellungen in den Galerien gezeigt werden, sondern überlasse dies den damit beauftragten Fachleuten in den Fachbereichen, obgleich die freiheitliche Gesellschaft schauen müsse, wo unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung angegriffen wird.

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Sorgte für Gänsehautmomente: Maria Bidian liest aus ihrem Roman

Welch tiefe und traumatische Spuren ein diktatorisches Regime generationsübergreifend hinterlässt und wie schwierig es ist, mit diesem Erbe umzugehen, darum geht es in dem Debütroman „Das Pfauengemälde“ von Maria Bidian. Es geht um die Frage: Wie kann man loslassen und sich dennoch erinnern? Die Autorin nimmt uns mit ihrer Protagonistin mit auf eine Reise ins Rumänien der Gegenwart und taucht ein in die rumänische Zeitgeschichte und die Nachwirkungen der Ära des kommunistischen Diktators Nicolae Ceaușescu, die mit der Revolution im Dezember 1989 endete.

Im Mittelpunkt des Romans von Maria Bidian steht Ana, die im Sommer in den Zug nach Rumänien steigt. Endlich soll ihre Familie nach Jahrzehnten und einem langen Prozess ihren enteigneten Besitz zurückerhalten. Während sich die Verwandtschaft – aus ganz unterschiedlichen Gründen – nur für das sagenumwobene Haus interessiert, will Ana vor allem eines finden: das Pfauengemälde, ein Familienerbstück, von dem der Vater so oft erzählt hat. Jahre zuvor reiste der Vater selbst nach Rumänien, um das Pfauengemälde abzuholen. Er hatte sein Ziel aber nicht erreicht, weil er dort starb. Ana will das nun vollenden, und plagt sich mit der Frage, ob sie seinen Tod hätte verhindern können, wenn sie mit ihm gereist wäre. Mit der Reise in ein Land, das sie nur aus Sommerurlauben mit der Familie kennt, begibt sich Ana auch auf eine innere Reise, eine Reise durch ihre eigenen Erinnerungen, durch die Vergangenheit der Familie und durch die Vergangenheit des Landes und spürt die Trauer um ihren Vater, die sie bewältigen will, indem sie das Pfauengemälde findet. Dabei erlebt sie intensiv Land und Leute, das Alltagsleben der Menschen, ihre Freuden und Vergnügungen, ihre Gastfreundschaft, ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Der Zeitpunkt von Anas Reise, so erzählt es die Autorin den Besucherinnen und Besuchern ihrer Lesung in Rudow, fällt in die Jahre 2017/ 2018, also eine der politisch turbulentesten Phasen der jüngeren rumänischen Geschichte, die geprägt war von massiven Bürgerprotesten gegen Korruption und einer gleichzeitig boomenden Wirtschaft. Die Menschen trauten dem Regime nicht und wollten nur eines nicht, eine Rückkehr zu Gepflogenheiten, wie sie im korrupten Terror-Regime der Ära Ceausescu Gang und Gäbe waren. An einem schönen Sommerabend lernt Ana ein Pärchen kennen, das sie animiert, in Bukarest an einer Demonstration gegen die Regierung teilzunehmen. Sie zeigt Haltung und tut das, was ihr Vater einst tat und wofür er im Gefängnis landete, um schließlich nach Deutschland zu fliehen. Sie kämpft für die Freiheit und ein menschenwürdiges Leben. Ana wird auf der Demonstration verletzt und wird im Hause der ersten Frau ihres Vaters, Elisa, aufgenommen. Hier erfährt sie, was es mit dem Pfauengemälde auf sich hat. Es steht stellvertretend für all das Leid, das die Familie erfuhr: das Leid durch die Enteignungen, das Leid in den berüchtigten Gefängnissen des Geheimdienstes Securitate, an das sich die Familie nicht erinnern mag, um sich den Glauben zu bewahren an ein gutes Leben in Würde und Freiheit. 

Glänzend moderiert wurde die Lesung von der ehemaligen Marzahner Bibliothekarin Renate Zimmermann. 

Maria Bidian wurde 1988 in Mainz geboren und lebt heute in Berlin sowie in einem kleinen Dorf in Transsilvanien in der Nähe von Sibiu (Hermannstadt), wo sie ein altes Bauernhaus renoviert. „Das Pfauengemälde“ erschien 2024 bei Zsolnay/Hanser Literaturverlage. „Bücher wie das Pfauengemälde von Maria Bidian können dazu beitragen, Vorurteile und Klischees über Bord zu werfen, die unser Bild von Rumänien immer noch einseitig und negativ bestimmen. Indem die deutsch-rumänische Autorin anhand der Geschichte einer Familie Lebensrealitäten, historische Erfahrungen und die Aufbruchstimmung der Rumänen als demokratischer Teil Europas sichtbar macht, trägt sie zum Verständnis eines Landes unserer Europäischen Union bei, dessen Bewohnerinnen mehrheitlich pro europäisch gesinnt sind und bereit sind, dafür zu kämpfen. Andererseits macht das Buch Lust darauf, ein Land zu entdecken, das weit über den Dracula Mythos und Armutsgeschichten hinaus sehr viele kulturelle Schätze birgt“, urteilt unser Fraktionär Scharmberg.