
Das Land Berlin hat am 4. November den Schriftsteller Günter de Bruyn (1926–2020) mit einer Gedenktafel geehrt. An der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel am Haus in der Buschkrugallee 144, wo Günter de Bruyn 1926 als jüngstes von vier Kindern einer katholischen Familie geboren wurde, nahmen rund 80 Personen teil. Besonders engagiert für die Anbringung der Gedenktafel hatte sich Angelika Neuer, Leiterin des Kundencenters Süd der degewo AG.
„Alle waren gekommen, der Britzer Bürgerverein, der Gesprächskreis Britzer erzählen, Hufeisern gegen Rechts, die Britzer Weinkultur, der Neuköllner Heimatverein und das Museum Neukölln. Die Enthüllung war ein gesellschaftiches Ereignis in Britz“, hebt unser Fraktionär Michael Morsbach hervor.
Günter de Bruyn verbrachte seine Jugend in Berlin und wurde 1943–1945 Soldat. Als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg wurde er verwundet und kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946, wieder in Berlin, machte er Abitur, anschließend eine Ausbildung zum Neulehrer in Potsdam. Anstellung als Lehrer fand er an einer Dorfschule in Garlitz/Havelland. Die Zeit, die er dort verbrachte, hat er literarisch in einer seiner ersten Erzählungen „Hochzeit in Weltzow“ (1960) verarbeitet. Bis 1961 war er Bibliothekar und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Bibliothekswesen der DDR. Später lebte er als freiberuflicher Schriftsteller in Berlin. Ende der 1960er-Jahre wählte er sein geschätztes märkisches „Abseits“ und lebte fortan in einer alten Schäferei im Wald bei Beeskow in Brandenburg. Günter de Bruyn starb am 4. Oktober 2020 in Bad Saarow.

Mit seinen Romanen „Buridans Esel“ (1968), „Märkische Forschungen“ (1977) und „Neue Herrlichkeit“ (1984), in denen er Geschichten über die DDR erzählte – gleichermaßen realistisch wie hintergründig, voll Kritik und feinem Humor – fand er wachsendes Publikum in beiden Teilen Deutschlands. Sein Buch „Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter“, das 1975 fast zeitgleich in Ost und West erschienen, wurde zu einem Modell literarischer Biografie. Seit 1980 gab er gemeinsam mit Gerhard Wolf die Reihe „Märkischer Dichtergarten“ heraus. „Berlin verdankt Günter de Bruyns Arbeit als Autor und Kulturhistoriker ein neues „Porträt einer Epoche“; seine Essaybände zu Berlin um 1800 zeigen, dass hier ein Weimar ebenbürtiges Kunst- und Kulturzentrum wiederzuentdecken ist“, so die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für sie war der Staatssekretär für Gesellschaftlichen Zusammenhalt Oliver Friederici vor Ort. In seiner Rede würdigte Friederici Günter de Bruyn als „außergewöhnlichen Berliner, dessen Lebensweg und Haltung uns bis heute etwas über Mut, Gewissen und geistige Unabhängigkeit lehren“. Schließlich gehörte de Bruyn 1976 zu den Unterzeichnern der Protestnote gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und forderte 1977 auf einem deutsch-deutschen Schriftstellerkongress die Aufhebung der Zensur in der DDR. 1989 lehnte er sogar den DDR-Nationalpreis ab. Günter de Bruyn hielt stets an einer sprachlich-kulturellen Einheit der Nation fest, nannte sich einen deutschen Schriftsteller, der in der DDR lebte. Er war Mitglied der Akademie der Künste zu Berlin sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, im Präsidium des PEN-Zentrums der DDR und später der BRD. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und zwei Ehrendoktorwürden. Seine Werke „Zwischenbilanz“ (1992), „Vierzig Jahre“ und „Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin“ sind nicht nur persönliche Rückblicke, sondern Zeitdokumente von aller größtem Wert. „Günter de Bruyn war sich seiner Verantwortung als Intellektueller bewusst, aber er blieb immer bescheiden, immer eigenständig, immer bodenständig“, so Friederici. „Mein Leben spielte sich zwar in der DDR ab, aber es blieb doch mein Leben“, schrieb er. De Bruyn erinnere uns daran, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch Gleichschaltung entsteht, sondern durch die Anerkennung individueller Wahrhaftigkeit“, so der Staatssekretär.

In einer sehr persönlichen Ansprache blickte Wolfgang de Bruyn auf die Berliner Kindheit seines Vaters zurück – auf die enge 2 ½-Zimmer-Wohnung hier in der Blaschkoallee (früher Rudower Allee 8), die Kriegserlebnisse und den frühen Verlust des Elternhauses. „Nicht nur ich bin mir sicher: Mein Vater hätte sich über diese Ehrung hier an diesem Ort sehr gefreut“, sagte er abschließend. „Die Gedenktafel erinnert nicht nur an einen großen Autor, sondern auch daran, wie eng die Orte des Wohnens mit persönlichen und gesellschaftlichen Erinnerungen verbunden sind“, ergänzte Angelika Neuer.
Die Literaturwissenschaftlerin und Historikern Dr. Hannah Lotte Lund hob in ihrer Rede de Bruyns Bedeutung als Kulturhistoriker Berlins hervor. „Geschichtsschreibung braucht Humor. Geschichtsschreibung braucht noch das mehr, was Günter de Bruyn auch zu Recht als Dichter immer hoch angerechnet wurde, nämlich zu sagen, was der Fall ist. Unaufgeregt, poetisch, aber immer transparent in der eigenen Erzählposition und fern von jeder Heroisierung. Für sie als Historikerin sei es eine große Ehre, an einen Mann mitzuerinnern und eine Freude, ihn hier erinnert zu wissen, der so viel für Berlins Geschichte getan hat. Im besten Sinne. Er hat sich von ihr nie blenden lassen. Er hat mit einfacher, traditioneller Lampe und einer klassischen Lupe, die ich noch gesehen habe, die Geschichte ausgeleuchtet.“

