
65 Jahre nach dem Mauerbau haben der Landtag Brandenburg, die Landesregierung, die Beauftragte des Landes zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur und die ausrichtende Gemeinde Schönefeld am 13. August 2026 gemeinsam der Opfer der deutschen Teilung und des DDR-Grenzregimes gedacht. Das Gedenken fand auf dem „Sykpoint“ statt. Das ist ein begrünter Hügel in Großziethen, der vor dem Fall der Mauer als Mülldeponie für Privatmüll aus West-Berlin diente. Im Mittelpunkt des Gedenkens stand die Erinnerung an die Menschen, deren Leben durch die Abriegelung der Grenze am 13. August 1961 verändert wurde, sowie an diejenigen, die bei Fluchtversuchen oder an den Grenzanlagen ihr Leben verloren.
Am Gedenken nahmen als Redner Schönefelds Bürgermeister Christian Hentschel, Brandenburgs Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke (SPD), die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Dr. Maria Nooke, sowie der stellvertretende Ministerpräsident des Landes Brandenburg und Minister des Innern und für Kommunales, Dr. Jan Redmann (CDU), teil. Musikalisch begleitet wurde das Gedenken vom Ensemble „Orbis Quartett“. Zu den rund 70 Besuchern zählte auch unser stellvertretender Fraktionsvorsitzender Peter Scharmberg.

„Die Erinnerung an den Mauerbau und an die Opfer der deutschen Teilung darf niemals zur bloßen Routine werden. Gerade für uns in Neukölln ist die Geschichte unmittelbar greifbar – die Grenze verlief direkt an unserem Bezirk und trennte Menschen, Familien und Freundschaften. Wenn wir heute gemeinsam und ohne Grenzen an einer solchen Gedenkstele stehen können, zeigt das, was Demokratie und Freiheit möglich machen. Deshalb ist es unsere Verantwortung, die Erinnerung wachzuhalten, historische Fakten klar zu benennen und zugleich jeden Tag für eine offene, demokratische Gesellschaft einzustehen. Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeit – sie müssen von jeder Generation aufs Neue verteidigt und mit Leben erfüllt werden“, betonte Scharmberg.

Vor 65 Jahren riegelte die DDR die Grenze zu den Westsektoren Berlins ab. Bis zum Fall der Mauer im November 1989 infolge der Friedlichen Revolution starben mindestens 140 Menschen nach Fluchtversuchen oder bei anderen Zwischenfällen an den Sperranlagen in und um Berlin. An der gesamten innerdeutschen Grenze kamen mehrere hundert Menschen ums Leben. Darüber hinaus wurden Familien auseinandergerissen, Freundschaften und berufliche Verbindungen unterbrochen, Lebenspläne von einem Tag auf den anderen zunichtegemacht. Die Mauer und das Grenzregime wurden zum sichtbaren Symbol der deutschen Teilung und der Unfreiheit in der DDR.
Dr. Maria Nooke informierte im Rahmen einer dokumentarischen Lesung über die Grenzsituation sowie exemplarisch über den Tod von Eberhard Schulz an der Berliner Mauer. „Die Berliner Mauer war mehr als Stacheldraht und Beton. Sie war das sichtbare Eingeständnis der SED, dass sie nur mit Einschränkung der Freiheit, mit Zwang, Überwachung und Repression ihre Macht sichern konnte“, betonte Nooke.
Die Erinnerungsstele für den von DDR-Grenzsoldaten im März 1966 erschossenen Eberhard Schulz befindet sich am Kölner Damm am Mauerweg zwischen Großziethen und Neukölln. Sein Mitflüchtling Dieter K. überlebte. Dieter K. gibt an, dass ohne Vorwarnung geschossen worden sei. Im Bericht der Grenzschützer stand allerdings, dass sich die „Grenzverletzer“ äußerst „provokatorisch und widerspenstig“ verhalten und „passiven Widerstand“ geleistet hätten. Durch die Schüsse sollte die Flucht verhindert werden. Ein Ermittlungsverfahren gegen die Grenzsoldaten wurde aufgrund des Mangels an zweifelsfreien Beweisen 1996 eingestellt. Der Tod von Eberhard Schulz bleibt ungesühnt.
„Ich bin als Neuköllner Junge nur 500 Meter von der Mauer entfernt aufgewachsen. Als Kind konnte ich sie auf der West-Berliner Seite anfassen – auf der anderen Seite war das lebensgefährlich. Heute weiß ich, was diese Grenze für die Menschen bedeutet hat: Sie hat Familien getrennt, Lebenswege zerstört und Freiheit mit Gewalt eingeschränkt. Dass wir heute hier stehen und gemeinsam erinnern können, ist ein großes Glück. Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland nie wieder erleben müssen, dass eine Mauer Menschen voneinander trennt“, sagte Schönefelds Bürgermeister Christian Hentschel.

„Noch nie seit der Friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer wurde Freiheit so selbstverständlich gelebt und ist gleichzeitig so bedroht wie heute. Welche Verbesserungen braucht der Osten, welche der ländliche Raum, damit sich Menschen ernst genommen fühlen und mitgestalten?“, fragte Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke. Letztlich stelle sich immer „die Frage nach Gerechtigkeit. Wir brauchen Antworten. Mauer, Stacheldraht, Todesstreifen sind doch noch als untaugliche und menschenverachtende Mittel im Kopf; niemand will Diktatur. Demokratie bleibt das große Ziel, Freiheit und Gerechtigkeit, erreichbar täglich, wenn wir es wollen.“
Nach der Schlussrede von Redmann an der Stele für Eberhard Schulz verneigten sich die Rednerinnen und Redner vor den an der Stele niedergelegten Kränzen und Blumen. „Wir müssen daran erinnern – auch vor dem Hintergrund, dass DDR-Geschichte wieder relativiert wird: Die DDR-Hymne wird öffentlich angestimmt und in manchem Garten wehen Hammer, Zirkel und Ährenkranz“, sagte Redmann. Das sei vollkommen inakzeptabel. Die DDR sei kein freiheitlicher Rechtsstaat gewesen, „sondern ein autoritäres System, das die Rechte seiner Bürgerinnen und Bürger vielfach verletzte und auch nicht davor zurückschreckte, auf diese zu schießen.“ Gedenkveranstaltungen an den Bau der Berliner Mauer seien „alles andere als bloße Zeremonien. Sie erinnern uns daran, dass unsere freiheitliche demokratische Grundordnung nicht selbstverständlich ist. Sie muss geschützt werden – nicht zuletzt, weil Menschen in der DDR für eine solche Freiheit mit dem Leben bezahlten.“

