
Am 1. November feierte der Britzer Bürgerverein gemeinsam mit zahlreichen Gästen sein 135-jähriges Bestehen mit einem festlichen Sektempfang im Veranstaltungssaal des Diakoniehauses Britz in der Blaschkoallee. Zu den Ehrengästen zählten unter anderem unsere Stadträtin Janine Wolter, zuständig für Bildung, Kultur und Sport, unser Bezirksverordnete Michael Morsbach sowie Alt-Bürgermeister Prof. Bodo Mangold. Morsbach ist auch Vorsitzender des Neuköllner Heimatvereins. Er nutzte den feierlichen Anlass, um die vom Neuköllner Heimatverein herausgegebene Broschüre „Wie in Britz die Mondlandung begann. Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte eines Ortsteils“ vorzustellen. Neben ihm wirkten mehrere Autoren an dem Werk mit, das die wirtschaftliche Entwicklung Britz’ beleuchtet. Passend dazu zeigte eine kleine Ausstellung ausgewählte Tafeln mit historischen Abbildungen und Texten. Die Idee zu dieser Publikation entstand anlässlich des 650-jährigen Jubiläums von Britz, das in diesem Jahr begangen wurde. Nach der Begrüßung der Gäste durch den Vorstand des Britzer Bürgervereins, Bernd Posner, ging Vorstandsmitglied Hannelore Knüppel auf die Geschichte des Bürgervereins ein und unternahm einen Blick in die Zukunft:

Am 1. November 1890 trafen sich im Wutzlerschen Lokal an der Rudower Straße – der heutigen Blaschkoallee – angesehene Bürger des damaligen Dorfes Britz, um einen Kommunalverein zu gründen. Britz, erstmals 1305 urkundlich erwähnt, war zu jener Zeit ein Bauerndorf im Kreis Teltow. Doch einige aufstrebende Familien wollten sich nicht länger von Berlin bevormunden lassen und forderten eine eigene Stimme für ihr Dorf. So entstand der Britzer Bürgerverein – vor mittlerweile 135 Jahren.
Der Verein hat in seiner langen Geschichte zahlreiche politische und gesellschaftliche Veränderungen miterlebt: ein Kaiserreich, zwei Weltkriege und seit 1945 ein demokratisches Deutschland – und Britz war stets Teil dieses Wandels.

In den Jahrzehnten nach der Gründung des Britzer Bürgervereins wuchs Britz rasant. Zwischen 1856 und 1875 stieg die Einwohnerzahl von 1.032 auf 3.207. Besonders viele Rixdorfer und Neuköllner zog es hierher: Sie suchten Erholung von ihren dunklen, überfüllten Hinterhöfen und fanden in Britz eine grüne, ländliche Oase. Britz war damals bekannt für seine Rosenzucht, seine großen Gartenlokale und familienfreundlichen Ausflugsorte. Bis zu 1.000 Gäste fanden in den Lokalen Platz. Viele brachten ihre eigene Verpflegung mit und zahlten nur für heißes Wasser zum Kaffeekochen – ein Stück Freizeit für wenig Geld.
Mit dem Aufschwung kam auch die Industrie: Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden an der Gradestraße und in anderen Bereichen größere Betriebe. Arbeitskräfte zogen zu, neue Wohnungen und Versorgungseinrichtungen wurden gebraucht. Die Gärtnereien wichen Fabriken, Straßen und Kleingärten – die bis heute Teil des Ortsbildes sind. Seit seiner Gründung verstand sich der Bürgerverein als Wächter über die Entwicklung Britz’. Er setzte sich gegen Bevormundung durch Rixdorf und Neukölln ein und trug maßgeblich dazu bei, Britz zu einem lebenswerten Ortsteil zu machen. Mit dem Bau des Teltowkanals 1906 und der Eingemeindung Britz’ nach Neukölln im Jahr 1912 änderten sich die städtischen Strukturen – doch der Verein blieb bestehen. Während früher die monatlichen Treffen gesellschaftliche Höhepunkte waren, wandelte sich das Vereinsleben im Laufe der Zeit. Fernsehen, Internet und soziale Medien veränderten die Gewohnheiten der Menschen. Auch die Vereinszeitung, der „Heimatbote“, der seit über 95 Jahren erscheint, wurde an die neuen Zeiten angepasst: Heute kann er digital gelesen werden, erscheint aber weiterhin vierteljährlich in 1.500 Exemplaren und liefert kulturelle und historische Beiträge aus Britz. Die Corona-Jahre (2020–2022) führten zu einem Rückgang gemeinschaftlicher Aktivitäten auch im Bürgerverein – doch aktuelle Ereignisse, wie der Krieg in der Ukraine erinnerten viele Britzer wieder daran, wie wichtig lokale Gemeinschaft und Zusammenhalt sind, so Hannelore Knüppel. Zum Schluss ihrer Rede beschrieb sie die Rolle des Vereins in der Zukunft. Der Britzer Bürgerverein bleibe seinem Gründungsgedanken treu: „Britz schützen, gestalten und mitgestalten“. Und er verstehe sich weiterhin als unabhängige, nicht parteipolitische Stimme für die Bürgerinnen und Bürger des Ortsteils, wobei sich Vereinsmitglieder in der Bezirksverordnetenversammlung und sogar im Bundestag engagieren – wodurch der Verein direkte Ansprechpartner in der Politik habe. „Wir brauchen Menschen, die Augen und Ohren offen halten. Der Britzer Bürgerverein muss Wächter bleiben – für uns und unsere Nachbarn. Nur gemeinsam können wir Geschichte bewahren und Zukunft gestalten“, betonte Frau Knüppel.
Ein Blick in die Runde beim Jubiläum zeigte, woran es vielen Vereinen mangelt: „Heute zeigt sich wieder, wie schade es ist, dass jüngere Menschen mit Interesse an der Heimatgeschichte des Bezirks nicht den Weg in die bestehenden Vereine finden. Sie bevorzugen oft die Erstellung einzelner Internetformate. Dadurch weiß man zu wenig voneinander“, bemerkt unser Bezirksverordneter Morsbach dazu. Dennoch blickt der Verein stolz zurück – und zugleich optimistisch nach vorn: Britz soll lebendig bleiben – menschlich, geschichtsbewusst und zukunftsorientiert. Nach dem offiziellen Teil nutzten Stadträtin Wolter sowie unser Bezirksverordneter Morsbach die Zeit für Gespräche mit den Bürgern und warfen mit ihnen einen Blick auf die gelungene Ausstellung.

