Vor 100 Jahren erlebte Neukölln die Geburtsstunde der Deutschen Demokratie

AG Darstellendes Spiel des Albert-Einstein- Gymnasiums mit Bezirksbürgermeister Martin Hikel (Mitte), Bildungsstadträtin Karin Korte (re. neben Hikel) und den Ausstellungsmachern vom Museum Neukölln um Museumsleiter Udo Gößwald (3.v.re., 2. Reihe).

Vor dem Rathaus herrscht reges Treiben. Zeitungsverkäuferinnen verteilen stundenweise die neuesten Nachrichten. Die Revolution ist in vollem Gange. Zeichen dafür: Ein Transparent mit der Parole „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ weht aus dem Zimmer des Neuköllner Bürgermeisters. Hier herrscht nun der Arbeiter- und Soldatenrat.

Die SPD Bezirksverordneten Peter Scharmberg und Eva-Marie-Schoenthal und Bezirksbürgermeister Martin Hikel sind von der Ausstellung begeistert.

Die neue Ausstellung des Mobilen Museums Neukölln „Revolution Neukölln! 1918/19“ wurde am 9. November im Beisein von Bezirksbürgermeister Martin Hikel, Kulturstadträtin Karin Korte und den SPD-Bezirksverordneten Peter Scharmberg, Wolfgang Hecht, Eva-Marie Schoenthal und Almut Draeger eröffnet. Am Anfang stand die fantastische Theaterperformance „Der 9. November 1918 in Neukölln – Der Anfang einer Revolution für alle?“ des Grundkurses Darstellendes Spiel des Albert-Einstein-Gymnasiums. Sie zog die rund 100 Besucher voll in ihren Bann. Die sehenswerte Ausstellung selbst dokumentiert, was zur Revolution geführt hat und wie sie in Neukölln verlaufen ist.

Die Initialzündung zur Revolution geschieht Ende Oktober in Kiel, als Matrosen meuterten, weil sie nicht mehr in eine völlig aussichtslose Seeschlacht ziehen wollten. Bereits am 4. November forderten die kriegsmüden Matrosen, Arbeiter und Soldaten die Abdankung der Hohenzollern sowie das freie und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen. In wenigen Tagen breitete sich der Aufstand auf weitere deutsche Städte aus und erreichte auch Berlin. Wie überall im Land war die Lebenssituation der Zivilbevölkerung katastrophal und verschlechterte sich mit jedem Kriegstag weiter. Viele Menschen waren in den Hungerjahren 1916/17 schlichtweg verzweifelt, Versorgungskreisen häuften sich. So kommt es auch im April 1918 in Neukölln zu tumultartigen Szenen wütender Arbeiterfrauen, die wegen ihrer hungernden Kinder das Rathaus stürmen, Neukölln wird zum Symbol für den Autoritätszerfall des preußischen Obrigkeitsstaates.  Der Druck der Straße führt in Neukölln dazu, dass im März 2018 mit Emil Wutzky und Raphael Silberstein zwei weitere Sozialdemokraten Stadträte werden.

Gertrude Scholz ist als einzige Frau im Neuköllner Arbeiter- und Soldatenrat vertreten.

Schließlich hat der Krieg das gesamte zivile Leben verändert: „Schulen werden zu Kasernen, Theater zu Lazaretten, Handwerksbetriebe zu Rüstungsschmieden“. Die Last, den Alltag zu bewältigen im täglichen Überlebenskampf, trugen die Frauen, oft auch die Jugendlichen und die Kinder. Statt in die Schule zu gehen, arbeiteten Kinder und Jugendliche und wurden für die Rüstungsproduktion rekrutiert. Es war nur eine Frage der Zeit, dass das Fass zum überlaufen kommt.

Und schließlich gab es mit der Entwicklung der sozialen Ideen, repräsentiert von der Sozialdemokratie als der Partei der Arbeiterbewegung, eine Alternative – und die wurde am 9. November auch in Neukölln eingefordert. Arbeiter mit Soldaten verbünden sich bereits am Morgen des 9. November und ziehen in die Innenstadt. Unter ihnen die Neuköllnerin Helene Zirkel von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD). Sie steigt auf das Dach des Berliner Polizeipräsidiums und hisst die rote Fahne. Stunden nachdem der Sozialdemokrat Phillip Scheidemann die Republik ausruft, versammeln sich im Karlsgarten an der Hasenheide in Neukölln Soldaten und Arbeiter unter der Führung des Fleischers und Deserteurs Willi Wille.

Die Zeitungen berichteten im Stundentakt über die revolutionären Ereignisse.

Sie ziehen zur Weiseschule, wo Soldaten einquartiert sind und fordern die Soldaten auf, Offiziere zu entwaffnen und sich der Revolution anzuschließen. Die Soldaten ziehen nun mit zum Polizeipräsidium Erkstraße Ecke Kaiser-Friedrich-Straße (heute Sonnenallee). Mit jeder Minute wird der Zug länger, die Zivilbevölkerung schließt sich an. Als sie am Polizeipräsidium ankommen, verriegeln die Polizisten zunächst die Türen. Dann lassen sie jedoch Wille und eine kleine Delegation zum Polizeipräsidenten vor – das Polizeipräsidium wird besetzt.

Währenddessen tagt im Neuköllner Rathaus der Arbeiter- und Soldatenrat unter dem Vorsitz des Vorwärts Redakteurs und Neuköllner MSPD-Ortsvereinsvorsitzenden Alfred Scholz. An seiner Seite im Vollzugsrat steht Gertrud Scholz. Die Stadtverwaltung obliegt nun dem neuen Kontrollgremium, in dem die Sitze gleichmäßig unter Unabhängigen Mehrheitssozialisten (MSPD) und Soldatenvertretern verteilt sind.

Arbeiter und Soldaten besetzten nicht nur das Rathaus, sie brachten auch das Polizeipräsidium in der heutigen Sonnenallee unter ihre Kontrolle – alles ohne Blutvergießen.

Es sind Neuköllner Frauen wie Marie Jusharz, Elfriede Rybeck, Clara Bohm-Schuch und Luise Zietz, die die Aufnahme von Frauen in den Vollzugsausschuss und die Einrichtung eines Frauenbeirats für Berlin fordern, der paritätisch von Unabhängigen und Mehrheitssozialdemokratinnen besetzt werden soll. Diese Neuköllner Sozialdemokratinnen schreiben Deutsche Geschichte und ziehen nach den Wahlen in die Nationalversammlung als Abgeordnete ein. Frauen konnten in Deutschland zum ersten Mal in der Deutschen Geschichte aufgrund des Frauenwahlrechts wählen. Am 19. Februar hält die Neuköllner Sozialdemokratin Marie Juchacz als erste Frau eine Rede in einem deutschen Parlament: „Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“

 

 

Die Ausstellung  Revolution! Neukölln 1918/19 ist noch bis zum 16. Januar im Rathaus Neukölln, 1. OG, Karl-Marx-Str. 83. Ab 18. Januar ist sie bis zum 15. April in der Helene- Nathan- Bibilthek in der Karl-Mars-Straße 66 zu sehen.