Zeichen – Sprache – Stadtraum – Graffiti und Street Art aus Neukölln im Museum Neukölln

Zeichen - Sprache - Stadtraum - Graffiti und Street Art aus Neukölln im Museum Neukölln 1

„Die Stadt ist kein leerer Raum, sondern vielmehr ein Ort voller Geschichte und kultureller Bedeutungen“ (Prof. Dr. Rolf Lindner)

Graffiti ist eine subkulturelle Kunstform, die ihre Ursprünge in New York findet. Sie ist Teil der Hip Hop Kultur. Junge Menschen wollten sich die Stadt durch künstlerische Selbstverwirklichung, politische Statements und gesellschaftlicher Befreiung zu eigen machen. Dies gestaltete sich in Form von verschiedensten Stilen, sei es Schriftzüge, Symbole oder Bilder an öffentlichen Wänden.  Es war ein visueller Ausdruck der sozialen und politischen Unzufriedenheit der Jugend, die sich von der Gesellschaft marginalisiert fühlte. Die Gestaltung im öffentlichen Raum war eine Möglichkeit, gegen die Machtstrukturen zu protestieren und die städtischen Räume zu erobern, die normalerweise durch kommerzielle Werbung und politisches Marketing dominiert wurden. Wir sehen diese Mechanismen heutzutage auch in anderen Teilen der Welt, wie im Iran oder in Syrien. Heute ist Graffiti eine weltweit verbreitete Form der Kunst, die von Street Artists wie Banksy, Shepard Fairey (bekannt für sein „Obey“-Plakat) oder RETNA weiterentwickelt wurde. In vielen Städten, insbesondere in europäischen Metropolen und Städten in den USA, finden sich große, oft genehmigte Wandgemälde und Street Art als Bestandteil der städtischen Kultur. In dieser Form wird Graffiti als Kunst anerkannt und geachtet, teilweise auch als Aufwertung der Kieze genutzt.

Seit Jahrzehnten existiert diese Subkultur in Deutschland und natürlich auch in Berlin-Neukölln. In der Debatte um Sauberkeit und Ordnung in unseren Kiezen wird schnell Bezug auf das Thema Graffiti an den Wänden genommen. Ist das Kunst oder muss das weg?

Zeichen - Sprache - Stadtraum - Graffiti und Street Art aus Neukölln im Museum Neukölln 2

Dass es über Schmierereien an Fassaden hinaus auch über kulturelle Sinnhaftigkeit im Kontext einer Aneignung sozialer Räume geht, beleuchtet die derzeitige Ausstellung im Museum Neukölln. Hier hat die Stadtführerin, Caro Eickhoff, sich intensiv mit den Codes und den Geschichten der Bilder beschäftigt. Es gibt Interviews mit den Street Art- KünstlerInnen. Die Regel, wann was überschrieben wird, oder zum Teil umgeschrieben wird, ist ein Gesetz in der Szene, was Teil der Aushandlung und indirekten Kommunikation ist. Das heißt, Graffiti ist nicht nur Schmiererei. Es gibt Regeln der Kunst, die für das Laien-Auge zuerst unsichtbar scheinen. Aber sie sagen ganz viel. Sie spiegeln die Gesellschaft, sie ermöglichen Sichtbarkeit und direkte Auseinandersetzung im Stadtbild. 

Die Bürgerdeputierte, Viktoria Gabrysch, hatte die Ehre, nicht nur in ihre eigene Welt als Hip Hopperin einzutauchen, sondern auch ihren ehemaligen Dozenten, den berühmten Stadtforscher und Ethnologen Prof. Dr. Rolf Lindner wiederzusehen und mit ihm über Aushandlungsprozesse im öffentlichen Raum zu sprechen. 

Prof. Dr. Lindner betonte die Einzigartigkeit der Kunst im öffentlichen Raum im Kiez-bezogenen Kontext. Graffiti in Neukölln ist nicht vergleichbar mit Graffiti in München. Die Frage ist, was wird ausgehandelt? Was sind die Themen? Welche Geschichten werden erzählt? Für Soziologen eröffnet sich hier eine ganze Welt voller Eindrücke und Analysen. Oder in den Worten von Banksy zu sagen: „Sie kommen jeden Tag und verunstalten unsere Städte. Sie hinterlassen überall ihre idiotischen Schriftzüge. Sie machen aus der Welt einen hässlichen Ort. Wir nennen sie Werbeagenturen und Stadtplaner.“

Im urbanen Raum kann man irgendwo hingehen und sich überraschen lassen. Das macht die Stadt aus im Unterschied vom ländlichen Raum. Und auch im Museum Neukölln wurde Empathie nach der Führung geäußert. Das heißt, wenn wir zuhören und anfangen zu verstehen, haben wir ein Verständnis zu diversem Ausdruck. 

Graffiti ist mehr als nur ein „Hobby“ oder „Vandalismus“ – es ist eine lebendige, vielschichtige kulturelle Praxis, die tief in den urbanen Kontexten der sozialen, politischen und künstlerischen Bewegungen verwurzelt ist. Sie stellt die Frage, wer die Kontrolle über den öffentlichen Raum hat, und lädt dazu ein, städtische Umgebungen neu zu interpretieren und zu verstehen. Sie ist gelebter politischer Ausdruck in diverser Form. Ob nun eine Kommerzialisierung diese Mechanismen abschwächt oder die Aufhebung des Verbots eine Veränderung der Bespielung herbeirufen würde, sei abzuwägen. Schließlich sind die Strukturen zwischen Legalität und Kommerz Teil der Kommunikation. Die Aushandlung des öffentlichen Raumes gehört allen Menschen. Ob Kunst oder Vandalismus. Deshalb ist es wichtig, nicht voreilig zu urteilen und schnellschüssige Regelungen festzulegen. Hier müssen wir als SozialdemokratInnen die Brücke der Kommunikation bilden. Damit alle Menschen gesehen werden.

Die Ausstellung geht noch bis zum 31.05.2026 und ist sehr empfehlenswert.