Lesung: „Das Zwickauer Terror-Trio“ (Aktionsbündnis Rudow)

Zum fünften Mal jähren sich die Tage der Brandanschläge auf Häuser von Bewohnern mit Migrationshintergrund im Blumenviertel. Neonazis schleuderten Brandsätze und nur durch die Achtsamkeit der Nachbarn wurde Schlimmeres verhindert. Das Aktionsbündnis Rudow nimmt den Jahrestag zum Anlass, um mit dem Fachjournalisten und Autor Maik Baumgärtner über sein Buch „Das Zwickauer Terror Trio. Ereignisse, Szenen, Hintergründe“ zu diskutieren, das er gemeinsam mit Marcus Böttcher geschrieben hat.

Maik Baumgärtner, der in Berlin lebt und in den Themenfeldern Demokratiefeindlichkeit, Rechtsextremismus, Rassismus und Diskriminierung arbeitet, stellt uns sein Buch vor.

Maik Baumgärtner über das Buch: „Es ist eine Chronik des NSU. Wir stellen keine wilden Hypothesen auf, sondern erzählen die Ereignisse mit recherchierten Fakten nach. Wir haben Akten ausgewertet, mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und Szeneexperten gesprochen. Befragt haben wir auch Ermittler verschiedener Behörden, von einfachen Polizisten bis zu Mitarbeitern des Bundesverfassungsschutzes.“

Die Autoren zeigen, dass hinter dem Zellenprinzip der NSU eine übergeordnete Ideologie steht. In den Strukturen und den Taten erkennt man Parallelen zu anderen Neonazi-Terrororganisationen in den USA, Großbritannien und Schweden.

So gab es 1999 in London eine Reihe von Anschlägen, die sich unter anderem gegen Migranten richteten. Einer davon wurde mit einer Nagelbombe durchgeführt, auf einem stark frequentierten öffentlichen Platz, um gezielt viele Menschen zu verletzen. 2004 zündete auch der NSU eine solche Nagelbombe in der Keupstraße in Köln. Anscheinend war es das Ziel, dass die Schwerverletzten ihre Wunden ihr Leben lang mit sich tragen. Das gräbt sich in das kollektive Gedächtnis der Migranten-Gemeinschaft ein.

Den Opferfamilien wurde das Trauern genommen, indem sie selbst in den Fokus der Fahnder rückten. Jahrelang wurde ihnen vorgehalten, es handele sich um organisierte oder „Ausländerkriminalität“. Als die Morde aufgeklärt wurden, haben die Hinterbliebenen das aus den Medien erfahren. Kein Anruf der Fahnder, keine Entschuldigung. Das ist traurig.

Die Terroristen werden häufig als verrückte Einzeltäter dargestellt, obwohl rassistische Einstellungen gesellschaftlich anschlussfähig sind. Selbst die NPD versucht sich von der Terrorzelle abzugrenzen, indem Parteifunktionäre von einer „Verfassungsschutz-Blase“ und „inszeniertem Staatsterror“ sprechen. Dabei handelten die Täter aus Hass auf Migranten. Diese Einstellung teilen nicht nur NPD-Wähler. Die Politik sollte stärker ins Gedächtnis rufen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist.

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