Gewalt an Frauen darf keine Normaliät sein

v.li.: Derya Çağlar, Sylvia Edler, Anja Kofbinger (Grüne), Martin Hikel und Wolfgang Hecht.

Alljährlich hisst der Bezirk Neukölln anlässlich des internationalen Tages „Nein zu Gewalt an Frauen“ Fahnen auf dem Rathausvorplatz. Auch in diesem Jahr hat Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) im Beisein der Gleichstellungsbeauftragten des Bezirks, Silvia Edler, Derya Çağlar von der SPD Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus und des SPD Bezirksverordneten Wolfgang Hecht die Fahnen gehisst. „Gewalt an Frauen darf keine Normalität sein. Doch täglich werden vier Frauen in Neukölln Opfer von Gewalt. Von daher müssen wir die Strukturen der Gewalt aufbrechen“, betonte Hikel anlässlich der Fahnenhissung.

„Wir können viele Geschichte erzählen zum Thema Gewalt an Frauen. Dazu zählen auch die vielen Fälle von Zwangsheirat europaweit, so Hikel. Er erinnerte allerdings auch daran, dass es durch den Gestaltungswillen der Sozialdemokratie auch Fortschritte im Verhältnis der Geschlechter zueinander gibt, die politisch erkämpft wurden. So ist bereits vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wurden. Und die Vergewaltigung in der Ehe wurde vor einigen Jahren unter Strafe gestellt. Anlässlich der hohen Opferzahlen gäbe es allerdings viel zu tun, um einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, so Hikel. Er und die Neuköllner SPD Fraktion wollen die Gewalt gegen Frauen zielstrebig bekämpfen. Denn „die von Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey vorgestellten Zahlen des Bundeskriminalamtes zu Gewalt in der Partnerschaft machen wütend und betroffen“, so die Vorsitzenden der SPD Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, Mirjam Blumenthal und Cordula Klein. So wurden im Jahr 2017 138.893 Frauen von ihrem Partner misshandelt, alle zweieinhalb Tage wurde statistisch gesehen eine Frau sogar getötet. Obwohl auch Männer in zunehmendem Maße Opfer werden, sind in 82% aller Fälle Frauen betroffen. So erlebt jede dritte Frau insgesamt mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt in der Partnerschaft. Dabei bringen höchstens 20% aller Opfer Misshandlungen zur Anzeige. Das eigene Zuhause sollte ein geschützter Raum sein. Doch die Tatsachen sprechen bundesweit dagegen. „Auch in Neukölln sind für viele Menschen Misshandlungen in bestehenden oder ehemaligen Partnerschaften alltäglich. Deswegen müssen wir umso mehr sowohl gegen die Gewalt an sich als auch gegen ihre Ursachen vorgehen. Das ist ein nicht hinnehmbarer Zustand“, so Cordula Klein.

Hilfsangebote für Betroffene: BIG Hotline bei häuslicher Gewalt gegen Frauen: 030-611 03 00, (täglich 8-23 Uhr): Telefonische Hilfe, Beratung und Unterstützung.
Die Hotline vermittelt freie Plätze in den Frauenhäusern.
http://www.big-hotline.de

Kindernotdienst: 030 61 00 61 (täglich 0-24 Uhr): Beratung für Kinder, Eltern und andere, kurzfristige Aufnahme von Kindern in Notsituationen. www.berliner-notdienst-kinderschutz.de

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 08000 116 016 (täglich 0-24 Uhr): Beratung in 17 Sprachen, auch anonym. Ein Anruf taucht nicht im Verbindungsnachweis auf. www.hilfetelefon.de

Überblick über spezielle Hilfsangebote für Migrantinnen:
http://www.big-berlin.info/medien/berliner-wegweiser-fuer-von-haeuslicher-gewalt-betroffene-migrantinnen

Häusliche Gewalt ist dabei keine Privatsache, sondern geht uns angesichts der erschreckenden Zahlen alle etwas an, denn „Gewalt gegen Frauen wirkt sich dabei auch verheerend auf die in der Familie lebenden Kinder aus“, hebt Klein vervor. Sie wird oftmals sozial vererbt: „Die Kinder erleiden oft selbst direkt Misshandlungen, tragen aber häufig schwere psychische Schäden davon. Oft führen diese Kinder als Erwachsene die selbst erlebte Gewalt in eigenen Beziehungen fort, als Täter oder Opfer. Deswegen müssen Lösungsansätze auch die gesamte Gesellschaft in den Blick nehmen“, bemerkt Klein. „Wir als Neuköllner SPD-Fraktion unterstützen die Bundesfamilienministerin ausdrücklich in ihren Bemühungen“, so die Fraktionsvorsitzende weiter. Sie hat kein Verständnis dafür, dass Akte teilweiser roher Gewalt bis hin zu Tötungsdelikten oft als „Familiendrama“ bagatellisiert werden. Hier komme ein gesellschaftliches Verständnis zum Ausdruck, das es Opfern schwer mache, sich zu wehren.

Die Neuköllner SPD Fraktion stellt außerdem fest, dass ein Anteil von 68% von Tätern deutscher Herkunft deutlich mache, dass die verbreitete Ansicht, es handele sich lediglich um ein Problem migrantischer Herkunftskulturen, falsch ist. Auch zieht sich Gewalt durch alle sozialen Schichten. Dabei geht es um gelebte Konzepte archaischer Männlichkeit, die auch in Deutschland weit verbreitet und akzeptiert sind. „Deswegen müssen wir auch hier ansetzen: Bei Aufklärung und Bildung. Denn gelebte Gleichberechtigung bedeutet nicht nur, beispielsweise gleiches Gehalt für gleiche Arbeit zu erhalten, sondern ganz einfach, Frauen als gleichberechtigte und gleichwertige Menschen zu betrachten“, so die SPD Fraktion. Betroffene müssen deswegen auch oft ermutigt werden, Hilfe in Anspruch zu nehmen: Telefonische Angebote wie das Berliner „BIG Hotline bei häuslicher Gewalt gegen Frauen“ oder das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bieten niedrigschwellige Orientierung über Hilfsangebote.

Auch die Anzahl der verfügbaren Plätze in Frauenhäusern muss dringend aufgestockt werden, um im Akutfall schnelle Hilfe leisten zu können, übrigens auch in Form von Männerhäusern, um das bestehende Angebot für Betroffene zu erweitern. Auch das ist ein Ziel des von Bundesministerin Giffey geplanten „Aktionsprogramm gegen Gewalt an Frauen“. Es sieht einen Runden Tisch von Bund, Ländern und Kommunen vor, ein guter erster Ansatz für abgestimmte Gegenmaßnamen. „Die von Giffey ins Gespräch gebrachte Forderung nach einem Rechtsanspruch auf Gewaltschutz für Frauen halten wir dabei für eine sehr wesentliche Debatte, die in aller Ernsthaftigkeit geführt werden sollte“, betont die Neuköllner SPD Fraktion.