Gedenken an die Befreiung von Auschwitz im Rathaus Neukölln

„Die Vielzahl an Stolpersteinen im öffentlichen Raum illustriert und erinnert uns daran. Es geschah nicht im Verborgenen, die Konzentrationslager waren nicht bewusst versteckt. Die Versammlungsorte für Deportationen waren öffentliche Orte. Die Routen der Menschen gingen an Hauptverkehrsstraßen, und am Straßenrand standen Meuten von Bürgerinnen und Bürgern, die die jüdische Bevölkerung ausgepfiffen und beleidigt hat“. Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sprach Bezirksbürgermeister Martin Hikel klare Worte. Zum Gedenken gekommen waren rund 100 Bürger unter ihnen viele SPD Bezirksverordnete. Sie kamen, um im Saal der Bezirksverordnetenversammlung das Erinnern an das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit zu bewahren. Sie bedachten Hikels Rede mit großem Beifall.
Das Konzentrationslager Auschwitz war das Zentrum der systematischen Ermordung der europäischen Juden.  Unter den Verfolgten und Opfern des Nazi Regimes waren auch Sinti und Roma, Sozialdemokraten, Kommunisten, Bibelforscher (heute Zeugen Jehovas) Homosexuelle, Menschen mit Behinderung und russische Kriegsgefangene. Musikalisch untermalt wurde die Gedenkveranstaltung von einem Streichquartett der Musikschule Neukölln. Und Schüler der Fritz-Karsen-Schule trugen Texte vor, nachdem sie großformatige Porträts von verfolgten Neuköllner Juden vor dem Rednerpult aufstellten. Begleitet wurde die Gedenkveranstaltung von der Ausstellung „Ausgestoßen und verfolgt“.

Bezirksverordnetenvorsteher Lars Oeverdieck (SPD)

Im Zentrum der Ausstellung, die nach den Gedenkreden von den Besuchern besucht wurde, steht die jüdische Bevölkerung während des Nationalsozialismus in Neukölln“. Nachgezeichnet werden mit der Ausstellung die Erfahrungen und Schicksalswege von Neuköllner Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von den Nationalsozialisten als Juden oder „Halbjuden“ diffamiert worden sind. Beginnend mit der im Alltag erfahrenen Ausgrenzung ab 1933 bis hin zur Deportation in Vernichtungslager wie Auschwitz spannt die Ausstellung einen zeitlichen Bogen von 1933 bis 1945.
Wer mit offenen Augen durch Neukölln geht, sieht die Spuren der  Vernichtung der Verfolgten. 217 Stolpersteine weisen auf das Schicksal vieler Deportierter hin, nur weinge überlebten. Die Stolpersteine zeigen, wann sie von den Nazis abgeholt wurden, wohin man sie deportierte und wann sie ermordet wurden oder ob sie verschollen sind. Darauf wies Lars Oeverdieck in seiner Rede hin. Er erinnerte auch an das Außenlager des KZ Sachsenhausen in der Sonnenallee in Höhe der Nummer 187, wo heute die Kleingartenanlage NCR-National Registrier Kasse e. V. Ihren Sitz hat – die letzten Baracken wurden 1957 abgerissen.

Oeverdieck erinnerte auch an das Zwangsarbeiterlager in Rudow, dessen letzte Baracke kontaminiert war und abgerissen wurde.  Sie stand auf dem Gelände am Neudecker Weg/ Ecke August-Fröhlich Straße, wo gegenwärtig die neue Clayschule gebaut wurde. Oeverdieck gedachte aber vor allem an die Menschen, die millionenfach sinnlos Ermordeten, die Neuköllner Kinder, die unter der Verfolgung litten und an die Überlebenden, deren Leben durch die schrecklichen Taten geprägt wurde. Er gedachte auch der Widerstandskämpfer, von denen der Multimedia Gedenkort im Vorzimmer der BVV berichtet.

„Es gibt erschütternde Fotos, die die Besetzung unseres Rathauses im Mai 1933 durch die SA, sekundiert durch die Polizei, dokumentieren. Und die darauf folgende Verhaftung und Verfolgung von Frauen und Männern wie Helene Nathan, Kurt Löwenstein oder Fritz Karsen „ist kein Vogelschiss, sondern der tiefste moralische Absturz einer Kulturnation, den es jemals gegeben hat“, wie Gerd Appenzeller gestern im Tagesspiegel richtig gesagt hat, betonte Karin Korte, Stadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport.  Sie lobte die Arbeit des Museum Neukölln zur Erforschung des jüdischen Lebens in Neukölln unter der Leitung von Dr. Udo Gößwald. Sie diene der Bewahrung der Erinnerung an unsere jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn, deren Leben die Nazis auslöschten. Sie wies ferner auf die  Antidiskriminierungsarbeit in den Neuköllner Schule hin, auf Studienfahrten von Neuköllner Schülern nach Israel sowie auf die Antisemitismusprävention, die schon in Grundschulen beginnt. Die Stadträtin wies außerdem auf die Initiative Shalom Rollberg hin, wo   jüdische Berlinerinnen und Berliner Englischunterricht, Kung-Fu, Theater und Kunstunterricht für muslimische Kinder und Jugendliche des Rollbergviertels organisieren und durchführen. Mit Schülerhilfe und Gruppenarbeit finden hier interkulturelle und interreligiöse Begegnungen statt. „Die Kinder lernen hier, das man respektvoll auch mit Menschen anderer Herkunft, Religion und Lebensstil umgehen kann“, hob Korte hervor.  Um dem wachsenden Antisemitismus zu begegnen, werde gerade ein bezirksweites Projekt geplant: „Die Idee dabei ist, besonders interessierte Schülerinnen der 9. Klasse so zu qualifizieren, dass sie im Anschluss das Erlernte in ihren Schulen vorstellen und so zur Lösung schulinterner Konflikte beitragen“. Damit verdeutlichte Korte, dass sich der Bezirk mit aller Kraft gegen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung zur Wehr setzt. Und wie sagte schließlich Bezirksbürgermister Hikel: Es darf nie wieder einen Grund dafür geben, Menschen zu entmenschlichen! Hätten alle Widerstand geleistet, die nach 1945 behaupteten, dass sie immer gegen die Nazis gewesen seien, dann wäre es nicht zum Holocaust und wahrscheinlich auch nicht zum Zweiten Weltkrieg gekommen.“