Fraktion vor Ort – Lesungen gegen Rechts in Rudows Kirchengemeinden

„Es ist wichtig an die Orte zu gehen, an denen Anschläge passieren“. Davon ist Carolin Emcke überzeugt. Und so las die Publizistin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels am 1. September honorarfrei vor rund 200 Besuchern im Saal der Evangelischen Kirchengemeinde Rudow aus ihrem Essay „Gegen den Hass“. Der Essay ist ein Plädoyer für eine humanistische Grundhaltung.  In diesem Sinne gilt es, Rassismus,  Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit,  die zunehmend die Gesellschaft polarisieren, das „Lob des Vielstimmigen und Unreinen“ entgegenzusetzen, wie Emcke sagt. Denn so lasse sich die Freiheit der Einzelnen schützen. Emcke wollte die Lesung ausdrücklich als Zeichen der Solidarität verstanden wissen. Als Solidarität mit jenen, die sich gegen Rechts stellen und als Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt.

Zu den Zuhörern der Lesung zählte auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD in der Neuköllner Bezirksverordnentenversammlung Peter Scharmberg, der sich gegen Rechts engagiert und mehrmals Opfer rechtsextremer Gewalt wurde. Emckes Lesung war die Auftaktveranstaltung für „To Do: Demokratie!“, einer Veranstaltungsreihe der Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus zur Bundestagswahl 2017. Nach der Lesung diskutierte sie mit dem Publikum zu rechter Gewalt und dem Wert einer vielfältigen Gesellschaft. Dabei kam das Gespräch auch auf die Serie der Brandanschläge auf Demokrat*innen in den vergangenen Monaten – bis Mitte Februar des Jahres waren es bereits 20.

Es gibt die Gewalt von Rechts seit Jahren, und sie reißt nicht ab. Unter den Opfern sind neben Scharmberg weitere sozialdemokratische Fraktionärinnen wie Gabriele Gebhardt sowie Mirjam Blumenthal und Gewerkschafter, aber auch Angehörige der Kirche, deren Autos durch Brandanschläge zerstört wurden. Moderiert wurde der  Emcke-Abend von Buchhändler Heinz Ostermann von der Rudower Leporello Buchhandlung, dessen Fahrzeug ebenfalls von Rechten abgebrannt wurde. Auch die gastgebende Evangelische Kirchengemeinde Rudow und ihre couragierte Pfarrerin Beate Dirschauer wurden bereits Opfer rechtsextremer Anschläge. Dirschauer hatte ihre Räumlichkeiten für den Abend der Emcke Lesung kostenfrei zur Verfügung gestellt und positionierte sich in ihrer Rede klar gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form der Diskriminierung.

Das tat auch Wolfgang Klose als Vertreter der Katholischen Kirchengemeinde St. Joseph in Rudow, die im Rahmen der Festwoche ihres 50jährigen Bestehens am 11. September eine Lesung mit der Autorin Juliane Streich im Pfarrsaal veranstaltete. Streich las aus ihrem Buch „Brandgefährlich –  Das Schweigen der Mitte“ vor. Mehr als 150 Gästen, unter ihnen die SPD Fraktion der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung und der SPD Bundestagsabgeordnete Dr. Fritz Felgentreu. Nach der Lesung aus dem Buch diskutierte Klose mit Innensenator Andreas Geisel,  Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (beide SPD), der Autorin sowie mit Marcel Hoyer vom Bund der Katholischen Jugend über Möglichkeiten, dem Rechtsextremismus entgegenzutreten.

Dabei zeigte sich eines deutlich und wurde von allen bejaht: Das Schweigen der Mitte ist brandgefährlich, wie Streichs Buch um den Fall des von Rechtsextremisten bedrohten Bürgermeisters Markus Nierth (2009-2015) und seiner Familie aus Tröglitz zeigt. Nierth stand vor der Aufgabe, 60 Geflüchtete im Ort aufzunehmen. Er legte sein Amt nieder, als Bürgern des Ortes, unter ihnen Rechtsextreme, an seinem Haus vorbeiziehen wollten. Nierth sah zu Recht die Sicherheit seiner Familie nicht mehr gewährleistet, weil die Versammlungsbehörde die Demonstrationsroute der NPD nicht beauflagen wollte. Daraufhin legte er zwar sein Amt nieder, gab aber nicht auf. Gegen alle Widerstände setzte sich Nierth weiter für die Unterbringung von Geflüchteten in Tröglitz ein. Selbst nach dem Brand einer geplanten Asylunterkunft am 4. April 2015 stellte er privaten Wohnraum zur Verfügung und leistete fremdenfeindlichen Bürgern und NPDlern vor Ort Widerstand.

Wo Rechtsextreme auftauchen, muss man ihnen zivilen Widerstand entgegensetzen, damit sie sich nicht weiter ausbreiten. Das ist das Fazit des Buches von Streich, ist durch Fachliteratur bestätigt und ist ebenfalls eine Erfahrung, die  Senator Geisel noch als Bezirksbürgermeister von Berlin-Lichtenberg sammelte. Zivilen Widerstand gegen Rechts leisten, ist auch Programm der Neuköllner SPD Fraktion und ihrer Kreisvorsitzenden und Bezirksbürgermeisterin. So betonte Giffey bereits am 18. Februar des Jahres in einer Rede auf einer Kundgebung gegen Rechts in Rudow nach einer Anschlagsserie:  „Wir wissen, was Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der Geschichte bewirkt hat: „Unser Kampf gilt einer weltoffenen, toleranten und freien Stadt“. In diesem Sinne zeigten auch diese Lesungen einmal mehr: Die Demokraten sind in der Mehrheit und stehen für ihre Werte ein!

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