Erster Stolperstein in Rudow auf Initiative von „Rudow empört sich“ verlegt

Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) wohnt der Verlegung des Stolpersteins bei

„Ich sterbe schwer, aber mit dem Bewusstsein, dass ich nicht gemordet habe.“ Diese Worte schrieb der Kriegsgegner Otto Laube aus Rudow in seinem letzten Brief am Tag seiner Hinrichtung am 5. Juni 1944. Weil er sich für die Beendigung des Krieges ausgesprochen hatte, war er von einem Kollegen denunziert und von Roland Freisler, dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofs, zum Tode verurteilt worden.
Schon im Ersten Weltkrieg war Otto Laube als Deserteur zwei Jahre inhaftiert gewesen. Dass er auch unter der NS-Diktatur aus seiner Kriegsablehnung keinen Hehl machte, kostete ihn sein Leben.
76 Jahre nach Laubes Tod wurde seiner mit einer Stolpersteinverlegung in der Fleischerstraße 6 im Rudower „Handwerkerviertel“ gedacht.
Die Initiative zur Verlegung des Stolpersteins ging von “Rudow empört sich“ aus. Kooperiert hat man Schülern des Geschichts- und Leistungskurs von Kimon Beltrop. Geschichtslehrer an der Otto Hahn-Oberschule, verlegt hat den Stein Michael Rohrmann.  Claudia von Gélieu erinnerte an die Opfer der Brand- und PKW-Anschläge in Rudow und machte ihrer Trauer darum Luft, dass die Polizei bis heute keinen Täter dingfest gemacht hat. Zu Betroffenen der Anschläge gehören neben ihr auch Heinz-Jürgen-Ostermann, der SPD Bezirksverordnete Peter Scharmberg und Pfarrerin Beate Dirschauer, die der Stolpersteinverlegung beiwohnten.  Auch Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) war vor Ort und bedauert die mangelnde Aufklärung der Anschläge. Er ehrte insbesondere die Arbeit und das Engagement der Schüler, die zu Otto Laube recherchierten und ihre Erkenntnisse vortrugen.

Otto Laube wurde am 13. August 1888 in Rixdorf geboren und besuchte die Volksschule. 1912 heiratete er Ida Laube, geborene Ziesig. Weder vor noch nach 1933 gehörte er einer politischen Organisation an, doch gab er bei einer Vernehmung am 8. November 1943 offen an, mit der SPD zu sympathisieren und diese gewählt zu haben. Mitglied der Partei war er allerdings nicht. Laube hatte eines von vielen Arbeiterschicksalen. Er war Bauarbeiter beziehungsweise Maurer und wurde wiederholt arbeitslos. Erschwerend hinzu kam, dass er nach einem Unfall im Jahr 1940 nicht mehr auf dem Bau arbeiten konnte. Doch er wurde Kraftfahrzeugfahrer. Wohl aus seiner ablehnenden Haltung zum Krieg, desertierte er am 2. Januar 1917 und wurde dafür verurteilt. Nach dem Kriegsende wurde er begnadigt.

Aufgrund der Verurteilung galt er während des Zweiten Weltkrieges als wehrunwürdig. Was ihn dazu trieb, mehrere Eigentumsdelikte verteilt auf sieben Jahre zu begehen, ist unbekannt.  Doch muss im Gedächtnis bleiben, dass die so genannten Goldenen 20er Jahre für viele Menschen, gerade aus der Arbeiterschaft, alles andere als rosig waren. Zuerst nagten die  Entbehrungen und Folgen des 1. Weltkriegs an den Nerven der Menschen, was zur Revolution von 1918 führte. Doch die Politik der Kriegstreiber vererbte der jungen Demokratie in der Nachfolge eine sehr große Last, die nur auf eine große Distanz zu bewältigen war. Kriegsversehrte bettelten auf den Straßen, um zu überleben, und Kinder und Erwachsene warteten nach Jahren der Entbehrung voller Sehnsucht auf eine Mahlzeit, die auch satt macht. Hinzu kam die galoppierende Inflation ab 1923 und 1929 die Weltwirtschaftskrise als verschärfender Einfluss von außen, die zu Massenarbeitslosigkeit und Verelendung führte.

Wie so viele Menschen, träumte auch Otto Laube vom eignen Heim. Er baute es mit seiner Frau im Zuge der Siedlerbewegung in Rudow. Nach Angaben seiner Ehefrau wohnten dort 1944 drei weitere Familien, zwei davon ausgebombt. Auch das Haus der Laubes soll bei einer Bombardierung beschädigt worden sein. Zuletzt arbeitete Otto Laube als Verkaufsfahrer bei der Schlüter Brotfabrik in Tempelhof in der Eresburgstraße 24. es war einer seiner Kollegen, der ihn wegen kritischer Äußerungen über die NS-Politik, zu Hitler und zum Krieg denunzierte – der Untertanengeist war noch tief verwurzelt. Das führte dazu, dass Laube am 8. November 1943 verhaftet wurde. Der Denunziant beschuldigte Otto Laube und drei weitere Kollegen „im Betriebe eine regelrechte kommunistische Agitation“ zu betreiben. „Sie bezeichnen den Führer als Lumpen, da er der Kriegstreiber sei und er müsste gehängt werden. Vorwiegend wird diese Agitation im Frühstücksraum und im Großlager in Gegenwart von den daselbst beschäftigten Ausländern betrieben. Da ich gegen diese Redensarten Stellung genommen habe, hat mich Laube sogar bedroht nach dem Umsturz als ersten aufzuhängen“, sagte dieser aus. Ein Prokurist hatte den Kollegen zur Denunziation ermutigt und bezichtigte Laube des Diebstahls. Nun ging alles ganz schnell, wie üblich im  Nazi- Unrechtsstaat. Am 14. April 1944 wurde Laube vom 1. Senat des Volksgerichtshofes wegen Wehrkraftzersetzung und Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt  (Verbrechen nach § 5 Abs. 1 Nr. 1 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung KSStrVO, §§ 80, 83 Abs. 2, 73 STGB)  „Der Verurteilte hat sich Arbeitskameraden gegenüber wiederholt defaitistisch geäußert“, hieß es  – Aktenzeichen 9 J 16.44 (1 H 73.44).

Am 23. Mai 1944 stellte Otto Laube ein Gnadengesuch, am 12.5.1944 bzw. 17.5.1944 seine Ehefrau. Alle wurde abgelehnt.  Am 5. Juni 1944 wurde er in Brandenburg-Görden hingerichtet. Er ist als Opfer des Faschismus anerkannt und im Ehrenbuch für die im Zuchthaus Brandenburg-Görden ermordeten Antifaschisten vermerkt.  Seine letzte Wohnadresse lautete Fleischerstraße. 8, Berlin-Rudow (heute: Fleischerstraße 6).

Der Stolperstein für Otto Laube ist der erste in Rudow. Beantragt hat ihn die Initiative „Rudow empört sich. Gemeinsam für Respekt und Vielfalt“. Gegründet wurde sie gegen den heutigen Nazi-Terror in Rudow. Mit diesem Stolperstein will sie ein Zeichen setzen gegen die, die die NS-Geschichte leugnen  beziehungsweise verharmlosen.

Mitgewirkt an der Umsetzung und der Verlegung haben Abiturientinnen und Abiturienten aus dem Geschichtsleistungskurs der Otto-Hahn-Schule in Neukölln.

Die Inschrift auf dem Stolperstein am letzten Wohnort von Otto Laube in der Fleischerstraße 6 in Rudow lautet:

HIER WOHNTE OTTO LAUBE
JG. 1888
GEGNER DER NS-DIKTATUR
VERHAFTET 8.11.1943
MEHRERE GEFÄNGNISSE
VERURTEILT 14.4.1944
„WEHRKRAFTZERSETZUNG“
HINGERICHTET 5.6.1944
BRANDENBURG-GÖRDEN