40 Jahre Annedore-Leber-Bildungswerk – Annedore- Leber- Preis verliehen

Margrit Zauner, Elke Büdenbender, Gregor Fitio und Jurymitglieder Konrad Tack und Angelika Schöttler (v.li.) 

Am 13. März ist der mit 1000 EUR dotierte Annedore-Leber-Preis an die Berliner Multimediafirma Flyinc verliehen worden, weil sie sich beispielhaft für Inklusion im Arbeitsleben einsetzt. Mit der feierlichen Preisverleihung beging das Berliner Berufsbildungswerk den Auftakt seines Jubiläumsjahres. An der Preisverleihung nahmen auch Bezirksbürgermeister Martin Hikel, der Neuköllner Fraktionär Jürgen Koglin sowie Derya Çağlar, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (alle SPD) teil.
Der Annedore-Leber-Preis wird jährlich vom Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin (ALBBW) und dem Förderverein ANNEDORE verliehen. Im Rahmen der Preisverleihung am 13. März 2019 würdigte die Jury das herausragende Engagement von Flyinc bei der beruflichen Eingliederung junger Menschen mit Behinderungen. Die Festrede zur feierlichen Abendveranstaltung hielt Elke Büdenbender, die Ehefrau des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier.


Büdenbender ehrte das Lebenswerk von Annedore Leber und erinnerte im Jubliäumsjahr 100 Jahre Frauenwahlrecht an weitere starke Frauen, die sich sozial engagierten. So an Vorgängerinnen in ihrem Amt wie die Sozialreformerin und Mitgründerin des Müttergensungswerks, Elly Heuss-Knapp und an Wilhelmine Lübke, die sich ebenfalls sozial engagierte und das Kuratorium Deutsche Altershilfe ins Leben rief. Weder Annedore Leber, noch die Bundespräsidenten-Gattinnen Elly Heuss und Wilhelmine Lübke standen etwa im Schatten ihrer Ehemänner. Im Gegenteil: Sie agierten als starke Persönlichkeiten an ihrer Seite. Wilhelmine Lübke entwickelte unter anderem die Idee der Einführung von Essen auf Rädern und schuf die Grundlagen für die Kurzzeit- und  Tagespflege alter Menschen, so Büdenbender. Elly Heuß-Knapp wiederum gründete zusammen mit Antonie Nopitsch das Müttergenesungswerk. Außerdem wirkte sie gemeinsam mit ihrem Mann an der Gründung des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung im Juni 1949 in Wiesbaden mit und wurde Vizepräsidentin der Organisation, der gegenwärtig die Kreisdelegierte der Neuköllner SPD, Dr. Linn Selle vorsteht.
Annedore Leber (geb. Rosenthal, 1904-1968) war verheiratet mit dem SPD Reichtagsabgeordneten und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Julius Leber, der nach mehreren Gefängnis- und KZ Aufenthalten in Berlin von den Nazis umgebracht wurde. Annedore Leber war seit 1927 SPD Mitglied, wurde im Oktober 1945 zur Leiterin des Frauensekretariats der SPD und in den Zentralausschuss der Partei gewählt und gehörte von 1963 bis 1967 dem Berliner Abgeordnetenhaus an. 1947 gründete sie in der ehemaligen Kohlenhandlung Berlin-Schöneberg, der Wirkstätte der Widerstandskämpfer um Julius Leber, den „Mosaik Verlag“ (1961 umbenannt in „Verlag Annedore Leber“). Hier veröffentlichte sie vor allem politische und pädagogische Bücher sowie Schriften, die den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime dokumentierten. Auch setzte sie sich für christlich-jüdische Zusammenarbeit ein und frühzeitig für einen jüdisch-christlichen Dialog sowie die Aufarbeitung des Holocausts. Ein besonderes Anliegen war ihr die Förderung junger Menschen, die besonders nach dem Krieg unter der hohen Arbeitslosigkeit litten. Als Vorsitzende des Vereins „Handwerker-Lehrstätten e.V.“ trieb sie von daher den Bau einer Ausbildungsstätte für junge Menschen in Berlin-Britz voran. So konnte im Juni 1952 der Grundstein für die „Handwerker-Lehrstätten Britz“ gelegt werden.
Seit 40 Jahren bildet das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin (ALBBW) hier in Britz junge Menschen mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf aus, die am Beginn ihres Berufslebens stehen. Dazu gehören junge Erwachsene mit Körper-, Sinnes- und Lernbehinderungen sowie psychischen Erkrankungen. Ziel ist es, den jungen Menschen den Weg in den ersten Arbeitsmarkt zu ebnen und ihnen eine selbstbestimmte Teilhabe am beruflichen und gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Anlässlich des Jubiläumsjahres zog Margrit Zauner, Vorstandsvorsitzende des Trägervereins Berufsbildungswerk Berlin e. V. ein Fazit:  „Wir haben viel erreicht, aber es bleibt weiterhin viel zu tun – bis alle Unternehmen die besonderen Potenziale von Fachkräften mit Handicaps erkennen und nutzen.“ Dann würdigte sie die Fylinc GmbH für ihren Ideenreichtum und ganz besonderen Einsatz bei der Ausbildung junger Menschen mit Behinderungen. Mit nur 12 Angestellten bildete die Multimedia-Agentur vier junge Menschen mit Handicap aus. Einer der Absolventen zählt sogar zum Spezialisten-Team der Multimedia-Agentur mit den Geschäftsschwerpunkten Internet, Filmproduktion, Schauspielagentur und Kameraverleih. Laudator und Vorsitzender des ALBBW-Fördervereins ANNEDORE, Konrad Tack, honorierte den Einsatz für mehr Chancengleichheit und Teilhabe als wesentlichen Eckpfeiler der Unternehmensphilosophie: „Die Stärkung von Jugendlichen mit Handicap ist bei Flyinc keine karitative Maßnahme, sondern ein Element einer vorausschauenden Personalentwicklung, um den Fachkräftebedarf auch in Zukunft zu decken.“