30 Jahre Helene Nathan Bibliothek

Die stellvertrende Fraktionsvorsitzende Nilgün Hasçelik informiert sich im Sonic Chair

Vor 30 Jahren wurde die Neuköllner Zentralbibliothek aufgrund eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung nach Helene-Nathan benannt. Gefeiert wurde dieses freudige Ereignis am 15. März mit einer Jubiläumsveranstaltung in der Bibliothek in den Neukölln Arcaden mit einer Lesung und einem Vortrag. So las Claudia von Gelieu aus ihrem Buch „Wegweisende Neuköllnerinnen“ und Bibliothekar Frank Grote gab einen Einblick in die Bibliotheksarbeit in der Zeit von Helene Nathan. Danach gab es eine Gesprächsrunde mit der Stadträtin für Bildung, Schule Kultur und Sport, Karin Korte (SPD). Anschließend wurde die Jugendbibliothek, die den Jugendlichen Computerarbeitsplätze, Raum für Gespräche und einen Sonic Chair bietet, offiziell im Beisein der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Nilgün Hasçelik eröffnet. „Mit dem Sonic Chair können die Jugendlichen per iPad Datenbanken durchsuchen und Video- und Tondokumente unmittelbar aufrufen. Er dient dazu, Wissen interaktiv zu vermitteln. Die neue Jugendbibliothek, davon konnten wir uns als Besucher der Jubiläumsveranstaltung vergewissern, kommt bei ihren Nutzern sehr gut an“, freut sich Hasçelik. Sie biete dadurch „noch mehr Gelegenheit zum Wohlfühlen beim Lesen und Lernen.“

Auch zu Zeiten von Dr. Helene Nathan (1885-1940) war die Bibliothek für damalige Verhältnisse gut ausgestattet. Als sie im Juli 1921 die Bibliotheksleitung in Neukölln übernahm, blickte sie bereits auf einen Bestand von rund 22.000 Bücher. Unter Gertrud Bernewitz, ihrer Vorgängerin, hatte sich der Bestand im Zeitraum von 1911-1919 nahezu verdoppelt. Bernewitz wurde 1919 gekündigt, weil sie heiratete. Das war damals so üblich. Auch Helene Nathan baute die Bibliothek merklich aus. Neben der Hauptbibliothek in der Ganghoferstraße kamen eine Zweigstelle in Britz und eine Kinderlesehalle in der Nogatstraße hinzu. Bis 1933 erhöhte sich der Bücherbestand auf 39.000, wobei Nathan größten Wert auf geistig wertvolle Bücher legte, so Gelieu.
Nathans Engagement in Neukölln zeige, dass sie sich bewusst für den Arbeiterbezirk entschieden hat, „um an der hier initiierten Reformpolitik mitzuwirken“, betont Gelieu. Es ging Nathan darum, „der arbeitenden Bevölkerung bessere Bildungschancen zu verschaffen und neue Bildungsinhalte durchzusetzen“. Nathan engagierte sich in der Sozialdemokratie und lud junge Menschen in ihre Wohnung ein, um mit ihnen zu diskutieren und bot ihnen darüber hinaus noch eine warme Mahlzeit an. Auch beteiligte sie sich an politischen Demonstrationen, gerade wenn es um Bildungspolitik ging.
1923 ließ Helene Nathan die Kinderlesehalle einrichten. Diese wird 1926 zu einer Erwachsenen- und Kinderbücherei erweitert. Ab 1932 gehört Nathan dem staatlichen Prüfungsausschuss für das Bibliothekswesen an und genießt somit in ihrem Beruf höchste Anerkennung. Zudem arbeitet sie am Berufsbild des Bibliothekars und befasst sich mit den Zielen der  Bildungsarbeit an Büchereien. Für die Bildung der Jugendlichen veranstaltet sie in Kooperation mit den Schulen regelmäßige Bibliotheksführungen. Als Literatur empfiehlt sie ihnen Autoren wie Arnold Zweig, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Jakob Wassermann. Ihre fortschrittliche und aufgeklärte Haltung zeigt sich auch in ihrem Verständnis vom intellektuellen Vermögen der Frauen. Mit den Stigmatisierungen der Theoriefeindlichkeit von Frauen sowie ihrem vermeintlichen Unvermögen, abstrakt denken zu können, kann sich Helene Nathan nie anfreunden. Sie lehnt eine solche Haltung vehement in der praktischen Arbeit der Volksbildung ab. Sie ging davon aus, dass sich die  unterschiedlichen Leseinteressen von Männern und Frauen verringern, je mehr sich die Bildung der Frau an die Bildung des Mannes angleiche.
Als im März 1933 die Nationalsozialisten Einzug in das Neuköllner Rathaus halten, endet die bildungsreformerische Arbeit von Helene Nathan jäh. Sie wird am 26 März mit sofortiger Wirkung beurlaubt, weil sie Jüdin ist. Auch klagt man sie an, sozialistische Propaganda zu betreiben und Feind der jetzigen Regierung zu sein. Einige Zeit hält sie sich mit Arbeiten im jüdischen Umfeld und bei der jüdischen Leihbücherei Kedem über Wasser. Als die Nazis dann die jüdischen Büchereien „liquidierten“, war Helene Nathans Existenzgrundlage weggebrochen. Eine Flucht nach England, wo sie Aufnahme finden sollte, scheiterte wegen des Kriegsausbruches gegen England. Am 23. Oktober 1940, noch bevor Juden aus den Süden Deutschlands und Stettin in Konzentrationslager deportiert werden, nimmt sich Helene Nathan wegen ihrer aussichtslosen Lage das Leben.